Architektur erzählt Geschichten – von Kultur, Identität und Zukunftsvisionen. Während Freddy Mamani seine indigenen Wurzeln mit Ornamenten und farbenfroher momumentaler Architektur feiert, setzt die Kleinwohnform-Bewegung auf das Gegenteil: minimalistische, flexible und nachhaltige Wohnlösungen. Zwei scheinbar gegensätzliche Strömungen, die doch mehr gemeinsam haben, als es auf den ersten Blick scheint. Dieser Artikel zeigt, warum sowohl monumentale als auch minimalistische Architektur einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung unserer Lebensräume leisten – und wie beide Ansätze Tradition mit Innovation verknüpfen.

Architektur ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wie vielschichtig, gegensätzlich und widersprüchlich diese sein kann, zeigen die monumentalen Werke von Freddy Mamani und die minimalistischen Bauwerke der Kleinwohnform-Bewegung.

Mamanis farbenprächtige, ornamentale Gebäude prägen das Stadtbild von El Alto in Bolivien. Sie sind gross, auffällig und feiern die Identität der Aymara-Kultur mit einer beeindruckenden Fülle an Farben, Formen und Symbolen. Jedes seiner Gebäude wirkt wie ein architektonisches Feuerwerk – „von allem viel zu viel“ und genau deshalb unverkennbar.

Kleinwohnformen hingegen setzen auf Reduktion. Sie verkörpern eine Gegenbewegung zu Überfluss und Grossflächigkeit: Kleine, oft transportable Einheiten, minimalistisch gestaltet und funktional optimiert. Sie stehen für das Prinzip, dass weniger mehr ist – sowohl in Bezug auf Platz- als auch Ressourcenverbrauch.

Auf den ersten Blick könnte die Kluft zwischen diesen beiden Ansätzen kaum grösser sein. Hier die urbane Pracht und Extravaganz, dort der ruhige Rückzug in fokussierte Räume, die durch Bescheidenheit und Verzicht bestechen.

Doch, sind diese beiden Archetypen wirklich so verschieden?

Unerwartete Gemeinsamkeiten

Eine nähere Betrachtung zeigt: Unter der Oberfläche sind die Gemeinsamkeiten von Freddy Mamani und der Kleinwohnform-Bewegung überraschend gross.

Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation

Freddy Mamani hat eine Architektur geschaffen, die in ihren Wurzeln tief in der Tradition seiner Heimat verankert ist. Seine Designs greifen Andenmuster und Symbolik auf, die für die indigene Aymara-Kultur von zentraler Bedeutung sind. Gleichzeitig nutzt er moderne Materialien wie Glas, Stahl und Beton, um seine Vision umzusetzen. Die Gebäude sind sowohl eine Hommage an die Vergangenheit als auch ein Statement für die Zukunft – eine Mischung aus kulturellem Stolz und architektonischer Innovation.

Auch Kleinwohnformen bewegen sich in diesem Spannungsfeld. Sie setzen auf modernste Technologien, von Solarpanels bis zu autarken neuartigen Wasser- und Abwassersystemen und Leichtbauweisen. Gleichzeitig nutzen sie ursprüngliche natürliche und vor allem lokale Materialien wie Holz und Schafwolle. Und einige integrieren auch das lokale Kunsthandwerk auf eindrückliche Weise, wie zum Beispiel die geschnitzten Küchenfronten im Tiny House von Gloria Sandrini eindrücklich zeigen. Diese stammen von einem Buffet aus einem lokalen Bauernhaus, das abgerissen wurde. Diese Art des Recyclings verleiht dem kleinen Zuhause zusätzliche Tiefe und Identität.

Beide Ansätze zeigen eindrucksvoll, wie Tradition und Innovation keine Gegensätze sein müssen. Vielmehr können sie sich gegenseitig befruchten und Formen schaffen, die gleichermassen traditionell wie zukunftsorientiert sind.

Modernes Tiny House aus Holz von Soldanella mit großen Fenstern und kleiner Terrasse, umgeben von einer schneebedeckten Landschaft und Bäumen, bei sonnigem Winterwetter.
Tiny House von Gloria Sandrini mit geschnitzten Küchenfronten

Funktionalität und Flexibilität

Die Multifunktionalität von Freddy Mamanis „Cholets“ ist bemerkenswert. Diese Gebäude sind keine reinen Wohnhäuser. Sie vereinen oft Wohnräume, Veranstaltungsorte und kommerzielle Flächen in einer einzigen Struktur. Die Vielseitigkeit der Gebäude ist eine Antwort auf die Bedürfnisse der Bewohner und spiegelt die Dynamik des städtischen Lebens in El Alto wider.

Auch Kleinwohnformen sind Meister der Flexibilität. Auf wenigen Quadratmetern schaffen sie mit klugem Design Platz für Wohnen, Arbeiten, Schlafen und Kochen. Multifunktionale Möbel, klappbare Betten und ausziehbare Tische passen den Raum innert Sekunden an die situativen Bedürfnisse an. Trotz ihres geringen Platzangebots bieten sie Raum für vielfältige Nutzung und individuelle Entfaltung – dem Zeitgeist entsprechend wandelbar und flexibel. Und Modulbauten wie zum Beispiel von ecoModulHaus ermöglichen es, den Platzbedarf beliebig zu vergrössern oder verkleinern. Zimmer können einfach hinzugefügt und wieder entfernt werden.

Sowohl Mamani als auch die Tiny-House-Bewegung legen grossen Wert darauf, Architektur flexibel und funktional zu gestalten. Beide Ansätze zeigen, dass die Grösse eines Gebäudes nicht darüber entscheidet, wie vielseitig es sein kann.

Modernes Tiny House aus Holz von Soldanella mit großen Fenstern und kleiner Terrasse, umgeben von einer schneebedeckten Landschaft und Bäumen, bei sonnigem Winterwetter.
Modulbau von ecoModulHaus

Nachhaltigkeit und Ressourcenbewusstsein

Kleinwohnformen gelten als Paradebeispiele für nachhaltiges Bauen. Ihre geringe Flächenversiegelung, die Nutzung ökologischer Materialien und ihr minimalistischer Ansatz machen sie zu einem Vorbild für umweltbewusstes Wohnen.

Kleinwohnformen zeigen, dass weniger Raum nicht nur einen kleineren ökologischen Fussabdruck, sondern auch mehr (Gestaltungs-) Freiheit bedeuten kann.

Dies kann als freistehender einzelner Baukörper seinen Ausdruck finden, wie auch in gestapelter Form oder in der vertikalen Nachverdichtung im Rahmen von Aufstockungen mit Kleinwohnformen.

Modernes Tiny House aus Holz von Soldanella mit großen Fenstern und kleiner Terrasse, umgeben von einer schneebedeckten Landschaft und Bäumen, bei sonnigem Winterwetter.
Tiny House ohne Flächenversiegelung von Denra Dürr und Mirjam Weber

Mamani verfolgt einen anderen, aber ebenso nachhaltigen Ansatz. Seine Gebäude sind kulturell verankert und verwenden oft Materialien, die in der Region verfügbar sind. Die farbenfrohen Fassaden tragen dazu bei, eine kulturelle Identität zu bewahren und sichtbar zu machen. Während Kleinwohnformen Nachhaltigkeit in Bezug auf Ressourcen bieten, steht Mamanis Architektur für eine kulturelle Nachhaltigkeit, die sich auf den Erhalt und die Feier von Traditionen konzentriert.

Beide Ansätze zeigen: Nachhaltigkeit hat viele Facetten – sei es der bewusste Umgang mit der Umwelt oder das Engagement für kulturelles Erbe.

Oho, ob klein oder bunt

Freddy Mamani und Kleinwohnformen stehen für scheinbar gegensätzliche architektonische Philosophien: der eine gross, bunt und überwältigend; die andere klein, minimalistisch und zurückhaltend. Doch auf den zweiten Blick vereint sie ein gemeinsames Ziel: Architektur zu schaffen, die nicht nur schön und funktional ist, sondern auch tiefere Werte repräsentiert, die den aktuellen Zeitgeist mit der lokalen Geschichte verbinden.

Sie zeigen zudem auf, dass Architektur vieles sein kann: ein Monument und ein Rückzugsort, ein Symbol des kulturellen Stolzes und ein Modell für die Zukunft des Bauens.

Zukunftsweisende Architektur hängt nicht von ihrer Grösse ab, sondern von ihrer Bedeutung – für die Lebensqualität ihrer Bewohner wie auch für die Gesellschaft als Ganzes.

Mehr zu diesem Thema findet ihr in der aktuellen Ausgabe der Architektur-Zeitschrift moduør sowie auf unseren Social Media Profilen Linkedin, Instragram und Facebook.